Verborgene Spuren einer Reise

Hans Christian Andersens Autographen im Gästebuch des Hotels “Pagano” auf der Insel Capri

Hans Christian Andersen, der dänische Märchendichter, war zeitlebens ein großer Reisender. Besonders bedeutsam für seine Biographie und seine literarische Produktion sollte seine erste große Italienreise 1833/34 werden: Sein 1835 erschienener Roman Improvisatoren [Der Improvisator] verarbeitete die Eindrücke dieser Reise, wie sie sich in den Tagebüchern spiegeln, und machte den 30-jährigen rasch berühmt. Die stark wunschautobiographisch geprägte Erzählung mit ihren ausführlichen Beschreibungen italienischer Schauplätze gehörte über Generationen hinweg zu den Lieblingslesestoffen des Bürgertums.

Etwa ein Drittel der Handlung spielt in der Gegend von Neapel, wo sich in einer geisterhaften Höhle, dem “Hexenloch” auf der Insel Capri, auch die entscheidende Wendung dieser Handlung vollzieht: die Begegnung des IchErzählers Antonio mit dem blinden Mädchen Lara. Das Ende des Romans hat erneut Capri zum Schauplatz: In einem fiktiven Nachtragskapitel trifft der inzwischen glücklich verheiratete Antonio “im Gasthofe bei Pagani” auf eine Gruppe dänischer Reisender, darunter “ein ziemlich großer, etwas blasser Herr, mit scharfen Zügen, in einem blauen Oberrock” – offensichtlich ein literarisches Selbstporträt des Autors. Auch ein genauer Tag dieser Begegnung wird genannt: Es ist der “6. März 1834”[1]. Gemeinsam besucht man die inzwischen von Kopisch und Fries entdeckte Blaue Grotte und Antonio erkennt überrascht: “Hier waren wir schon einmal gewesen”.[2] Er “hatte gesehen, was erst Jahre nachher entdeckt wurde und jetzt Capris, ja Italiens schönste Erscheinung ist: die Blaue Grotte.”[3]

Aber nicht nur Andersens literarischer Held Antonio, sondern auch sein Schöpfer selber hat im Königreich Neapel einige Reise-Spuren hinterlassen – an ziemlich abgelegenen Orten. Und da, wenn es um große Autoren geht, auch der Fund kleiner Zeugnisse eine gewisse Teilnahme auslöst, seien sie hier erstmals zusammengestellt.

Polizei-Register der Einreisenden, Februar 1834. (Auszug). Nr. 6: Andersen.

Grenzkontrolle

Am 13. Februar 1834 passiert Hans Christian Andersen, auf der Via Appia von Rom kommend, bei Terracina die Grenze zwischen dem Kirchenstaat und dem Königreich Neapel. Es sind politisch unruhige Zeiten, und aus Furcht vor dem Eindringen verdächtiger Subjekte und dem Zuzug mittelloser Ausländer führt das Polizeiministerium Sicherheitskontrollen durch; die Daten aller Einreisenden werden kontrolliert und in monatlichen Listen Stranieri venuti e partiti (“Angekommene und abgereiste Fremde”) dokumentiert.[4] In der Einreise-Liste für den Monat Februar 1834[5] findet sich auch folgender Eintrag:

Cognome e nome
J.C.Andersen
Epoca di partenza
11 febbraio
Patria
Danimarea
Direzione
Malta
Condizione
Tipografo
Se abbia o no data garantia
Eeeezionato
Epoca di arrivo
13 febbraio
M otivi della dimora
Per affari
Provenienza
Roma
Domicilio
Strada Speranzella No 70.

Wir erfahren auf diese Weise, daß Andersen während seines neapolitanischen Aufenthalts in der via Speranzella, einer schmalen Parallelstraße des Toledo in den innerstädtischen “Quartieri Spagnoli” wohnte, das heißt in einem eher populären Viertel (und nicht, wie die betuchteren Reisenden, an der Chiaia oder in Santa Lucia). Wir erfahren ferner, daß er bei Einreise keine „Garantie“ abzugeben hatte, eine Sicherheits-Leistung, die von mittellosen oder verdächtigen Reisenden verlangt wurde. Und schließlich daß er sich offenbar schon damals mit dem Gedanken trug, die Reise bis Malta auszudehnen (ein Vorhaben, das er erst bei seiner 2. Italienreise 1841 umsetzte).

Rätselhaft bleiben zwei Angaben: Warum gibt Andersen auf die Frage nach den Motiven seines Aufenthalts im Königreich “per affari”, also “aus geschäftlichen Gründen” an und nicht, wie die meisten anderen registrierten Reisenden “per diporto”, also “zum Vergnügen”? Wollte er ernste Absichten damit demonstrieren und sich von den “Touristen” absetzen? Verstand er gar seine Reise als Teil seiner schriftstellerischen “Arbeit”? Und warum gibt er sich als “tipografo”, also als “Schriftsetzer” aus? Liegt in diesem Fall vielleicht ein sprachliches Mißverständnis vor, und Andersen meinte in Wirklichkeit “scrittore”, also “Schriftsteller”?

“Neapel. Das Nachbarhaus in Via Sperensella, wo ich wohnte”. Zeichnung von H.C. Andersen, Februar 1834. Hans Christian Andersen Hans.

Das Gästebuch

Nach einem etwa zweiwöchigen Aufenthalt in Neapel[6] und Ausflügen in die Umgebung (Vesuv, Herculaneum, Pompeji, Amalfi, Paestum) fahren Andersen und seine Freunde am 6. März – also jenem auch im Roman „Der Improvisator“ genannten Tag – mit dem Boot von Amalfi nach Capri. Zunächst besichtigen die Ausflügler die Blaue Grotte, landen dann in Marina Grande und quartieren sich anschließend im Hotel “Pagano”[7] (Andersen nennt es immer “Pagani”) ein. “Hier bekamen wir warmes Essen und weißen Capri-Wein, der wie Wasser schmeckte, uns jedoch allen zu Kopfe stieg, so daß ich mich sogleich ins Bett verzog, obwohl es noch nicht 7 Uhr war”.[8] Am nächsten Morgen besichtigen die Reisenden noch die Villa Iovis, dann legt man ihnen zum Abschied im “Pagano” das Fremdenbuch vor, das zweite in der Geschichte des seit etwa 1820 existierenden Gasthofs[9]. Andersen und seine Gefährten werden es neugierig durchgeblättert haben, noch neugieriger vermutlich dessen Vorgänger, das noch immer ausliegende Fremdenbuch, das bereits seit 1825 im Gebrauch war. Auf einer der ersten Seiten konnten sie dort August Kopischs Berichte von der Entdeckung der Blauen Grotte und ihrer Vermessung lesen[10], später die Namen Agosto Conte di Platen[11], Carl Goetzloff[12], Silvester Scedrin[13], Carl Blechen[14], Wilhelm Ahlborn[15], Giuseppe Führich[16], Wilhelm Waiblinger[17], L.v.Klenze[18], Fr.Preller[19], Ernst Rietschl[20], Felix Mendelssohn Bartholdy[21], Agosto Hopf garten[22] sowie die Namen zahlreicher anderer Künstler. Vielleicht werden sie sich auch über die seltsame Art gewundert haben, mit der Besucher von jenseits des Ozeans unter Angabe mehrerer Namens-Initialen firmierten – wie es in großen Lettern ein gewisser Sam.F.B.Morse New York Stati Uniti di America[23] getan hatte. Jedenfalls ergreift dann der junge dänische Reisende die Feder und trägt ein:

Gästebuch des Hotels “Pagano”, 1834.

H.C. Andersen, di Dannimarka, il 7 Martz 1834.

Und seine Reisegefährten schließen sich an:

    • C.[?]S. Åberg di Svezia[24]
    • L. Zeuthen, da Dannimarca[25]
    • J.Berg, Norvegia[26]
    • G.Carlstedt, di Svezia[27]
    • Jules Lennel, di Francia[28]
    • Henrik Hertz, di Danimarca[29]
    • Flacknecker, di Bavaria.[30]

Anschließend – aber das erfahren wir nur aus dem Tagebuch – gibt es unter den Reisegefährten heftigen Streit über die Bezahlung der Überfahrt. Andersen klärt schließlich die Situation, und über die bewegte See erreicht die Gruppe die Halbinsel von Sorrent.

“Aussicht vom Gasthaus in Capri“. Zeichnung von H.C. Andersen, 6. März 1834. Hans Christian Andersen Hans.

Wiedersehen mit der Insel

Im März 1846 – Andersen ist inzwischen ein berühmter Mann – begibt sich der dänische Dichter auf seine 3. Italienreise, und auch diesmal führt sein Weg nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Rom wieder gen Süden. Am 4.Mai trifft er in Neapel ein, wohnt jetzt “vornehmer”, nämlich in der via Santa Lucia Nr.28[31], also direkt am Meer. Die Schriftstellerin Fanny Lewald, die sich zu dieser Zeit ebenfalls in Neapel aufhielt, schildert in ihrem Tagebuch den merkwürdigen Mann:

“Von Kopf bis Fuß, d.h.buchstäblich von der Reisemütze bis zu den weißen Schuhen in weißes Segeltuch gekleidet, sah der lange, bleiche Mann, wenn er träumerisch durch die Straßen schlenderte, wirklich äußerst sonderbar aus, und es war nicht auffallend, daß die übermütigen Jungen auf Santa Lucia, da er einmal gekommen war, uns in der Villa di Roma zu besuchen, ihn, wie er uns lachend erzählte, mit dem Rufe Ecco! il Polcinello! il Polcinello! bis an die Tür unseres Gasthofes verfolgt hatten”.[32]

Auch diesmal gehört ein Ausflug auf die Insel Capri (27.-29. Mai) zum Reiseprogramm. Wieder wohnt der Dichter bei “Pagano”, wieder macht er den Ausflug zur Villa Iovis, begrüßt den Eremiten, der freundlich behauptet, er erinnere sich noch an ihn.[33] Ein Bootsausflug zur Blauen Grotte muß wegen hohem Seegang abgebrochen werden, dafür macht Andersen diesmal den Spaziergang zum “Arco Naturale” und wagt sich auch zu einem Bad ins Meer.[34] Und am Tag der Abreise, diesmal nach zwei Nächten, wird wieder abgerechnet (“Für Kost und Aufenthalt 10 Carlin pro Tag bezahlt”[35]), dann legt der Wirt Michele Pagano – dem alten Ritual entsprechend – dem Scheidenden das Gästebuch vor – es ist inzwischen das dritte in der Geschichte des Hotels[36]. “Viele nette Menschen, ich schrieb in das Buch, fand darin die Namen von Gottlieb Collin und Petzhold”.[37]

Was Andersen schrieb, hat das Pagano-Gästebuch aufbewahrt[38]:

Jeg saae det Land, hvis Luft har himmelsk Lyst,
Hvor under Pinien Skjønheds Børn os møde,
Hvor Ilden sprudler frem af Bjergets Bryst
Og Oldtids Byer opstaae fra de Døde.

Farvel, for tredie Gang Capri!
den 29 Mai 1846
H.C. Andersen fra Danmark

[Übersetzung]

Ich hab’ das Land geseh’n mit Luft voll himmlischer Lust,
Wo unter der Pinie uns Kinder der Schönheit begegnen,
Wo Feuer sprudelt aus des Berges Brust
Und Städte des Altertums von den Toten auferstehen.

Lebwohl, zum drittenmal Capri!
am 29. Mai 1846
H.C. Andersen aus Dänemark

Mit dem Vierzeiler hat Andersen auf die erste Strophe eines vierstrophigen Gedichts zurückgegriffen, das er unter dem Titel Farvel til Italien (“Lebwohl an Italien”) nach der Rückkehr von seiner ersten Italienreise in der Zeitung Kiøhenhavnsposten vom 9.August 1834 publiziert und 1847 in die Gedichtsammlung Digte, gamle og nye (“Gedichte, alte und neue”) aufgenommen hatte, hier mit dem Zusatz Skrevet i 1834 paa Hjemreisen over Alperne, da jeg første Gang forlod Italien (“Geschrieben 1834 auf der Heimreise über die Alpen, als ich zum ersten Mal Italien verließ”)[39].

“Gästebuch des Hotels „Pagano“, 1846.

Farvel, “leb wohl zum dritten Mal Capri!”: So schließt Andersen seine Eintragung. Dabei war er 1846 erst zum zweiten Mal auf der Insel. Dennoch ist die Zählung und ist die Erinnerung durchaus nicht falsch. Auf seiner Orientreise, die ihn 1840/41 über Griechenland in die Türkei führte, war Andersen erneut über Rom nach Neapel gekommen, wo er sich am 15.März 1841 nach Malta einschiffte. Und als der Dampfer “Leonidas” den Golf von Neapel verläßt, notiert der Dichter in seinem Tagebuch: “Ich sandte ein Lebwohl nach Capri und zur Blauen Grotte”.[40] 1846, also fünf Jahre später, war ihm dieser Gruß an Capri also noch gegenwärtig.

Und so hat der Märchendichter der Insel drei Mal seinen Gruß entboten -mit der magischen Zahl des Märchens.

 

Noten

      1. ^ Hans Christian Andersen: Der Improvisator, Berlin o.J., S.425.
      2. ^ Ebd., S.427.
      3. ^ Ebd., S.312.
      4. ^ Zum zeitgenössischen Verfahren der polizeilichen Registrierung vgl. Dieter Richter: Neapel, Biographie einer Stadt, Berlin 2005, S.127f. und 142ff. Zu Andersen S.145.
      5. ^ Staatsarchiv Neapel, Prefettura di Polizia, fasc.2848.
      6. ^ Zu Andersens Neapel-Erfahrung vgl. Dieter Richter, Neapel, a.a.O., S. 160-62.
      7. ^ Zum Hotel “Pagano”, später einem deutschen “Traditionsort” auf Capri vgl. jetzt Ewa Kawamura: Alberghi storici dell’isola di Capri. Una storia dell’ospitalitä tra Ottocento e Novecento, Capri 2005, S.31-84.
      8. ^ Hans Christian Andersen: Tagebücher, hrsg.u.übs. v. Gisela Perlet, Frankfurt 2003, S.114.
      9. ^ Die Eintragungen im ersten, seit längerer Zeit verschollenen Gästebuch (Kopie Dieter Richter) beginnen 1825 und reichen bis 1839, diejenigen im zweiten, heute im “Centro Caprense ‘I.Cerio’” aufbewahrten, reichen von 1832 bis 1839. Beide Bücher wurden also teilweise parallel genutzt. – Für die Erlaubnis der Reproduktion danke ich dem “Centro Caprense ‘I.Cerio’”.
      10. ^ Abdruck in: Dieter Richter (Hrsg.): August Kopisch, Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri, Berlin 1997, S.69f. und 73.
      11. ^ Gästebuch Pagano 1, S.23 (19.10.1827).
      12. ^ Ebd., S.35 (1828?).
      13. ^ Ebd., S.35 (1828?).
      14. ^ Ebd., S.50 (Mai 1829). Vgl. D.Richter: Carl Blechen a Capri. Una testimonianza sconosciuta del suo soggiorno nel registro dei forestieri della locanda Pagano, in: Rassegna del Centro di Cultura e Storia Amalfitana N.S.II, 1991, S.181-84.
      15. ^ Ebd., S.52 (26.-29.Mai 1829).
      16. ^ Ebd., S.54 (25.-27.6.1829). – Es handelt sich um den österreichischen Maler Joseph Führich (1800-1876).
      17. ^ Ebd., S.55 (Juli 1829).
      18. ^ Ebd., S.79 (1830).
      19. ^ Ebd., S.83 (13.-16.7.1830).
      20. ^ Ebd., S.89 (25.-26.10.1830).
      21. ^ Ebd., S.99 (1831).
      22. ^ Ebd., S.107 (25.9.1831). Es handelt sich um den Berliner Maler August Ferdinand Hopfgarten (1807-1896).
      23. ^ Ebd., S.84 (1830). Es handelt sich um Samuel Finley Breese Morse (1781-1872), den Erfinder der Telegraphie.
      24. ^ Aberg, ein nicht näher bekannter schwedischer Reisender.
      25. ^ F.L.B.Zeuthen (1805-1874), dänischer Theologe.
      26. ^ Jens Frederik Berg (1807-1846), norwegischer Theologe.
      27. ^ F.Carlstedt (1797-1844), schwedischer Pädagoge.
      28. ^ Nicht näher bekannter französischer Reisender.
      29. ^ Henrik Hertz (1798-1870), dänischer Dichter und Dramatiker.
      30. ^ Wolfgang Ferdinand Flacknecker (1792-?), Maler aus Bayern.
      31. ^ H.C.Andersens Dagbøger III, 1845-1850, S.103f.
        [Internet-Edition www.museum.odense.dk/andersen/rejser].
      32. ^ Fanny Lewald: Römisches Tagebuch 1845/46, Leipzig 1927, S.270.
      33. ^ H.C.Andersens Dagbøger, a.a.O., III, S.l 18.
      34. ^ Ebd., III, S. 119 und 117.
      35. ^ Ebd., III, S.120.
      36. ^ Eintragungen 1839-1861 (“Centro Caprense ‘I.Cerio’”).
      37. ^ Ebd., III, S.120. – Gottlieb Collin (1806-1885) war der Bruder von Andersens Freund Edvard, Fritz Petzholdt (1805-1838) ein dänischer Landschaftsmaler.
      38. ^ Die Eintragung findet sich auf S.252. Für Transkription, Übersetzung und editorische Zuordnung danke ich Herrn Dr.Johan de Mylius, Odense.
      39. ^ H.C.Andersen: Digte, gamle og nye, Kiobenhavn 1847, p.89f.
      40. ^ H.C.Andersens Dagbøger, a.a.O. II (1836-1844), S.145.

 

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